Liegender Fasan




Unterengstringen, 1957
Oel auf Leinwand, 50 x 61 cm
Bezeichnet links unterhalb der Mitte: "M Gubler"
Privatbesitz



Der tote Fasan ist Gublers letztes Stilleben Motiv, das er 1956/57 in einem wahren Schaffensrausch anging. Der tradierten Kompositionsweise eines Jagdstillebens folgend, stellte er das Tier vorerst in 11 Bildern hängend dar, in einer zweiten Serie von 21 Werken dann liegend. Hintergrund und Anlass der Bilder wurden von Rudolf Frauenfelder detailliert beschrieben: «Im Oktober 1956 brachte Dr. Hans Theler [...] einen Fasan, den er im Elsass geschossen hatte, nach Unterengstringen. Max Gubler malte diesen sogleich, bei Tag und Nacht, fast bis zum Zusammenbruch arbeitend, in einer grossen Zahl von Bildern. [...] Nach Dr. Theler sind alle Bilder innerhalb von etwa zehn Tagen nach diesem einzigen Tier entstanden; er erzählte, er habe im folgenden Herbst wieder einen Fasan bringen wollen, aber Maria habe ihn vor der Tür heftig angefahren: Wollen Sie meinen Mann töten? und ihn mit dem Vogel weggeschickt.» Mit dem Motiv des liegenden Fasans schliesst sich der Stilleben-Kreis: Dem ersten Tisch von 1924 antwortet der letzte, vergleichbare von 1957. Dass das fliegende Tier schliesslich zu Fall, zum Liegen kommt, ist sprechend. Gubler selbst äusserte sich 1958 klar zur metaphorischen Bedeutung: «Das bin ich. Ich bin der abgestürzte Ikarus. Früher hatte ich immer das Gefühl des Schwebens, einen fortwährenden schöpferischen Impuls; jetzt bin ich auf die Erde gefallen.» Auf die Metaphorik des Fliegens wiesen Jahrzehnte zuvor schon die Stilleben der leeren oder geöffneten Vogelkäfige hin. Wie beim toten, aufgehängten Fisch kommt es nun auch beim Fasan zu einer Identifikation mit dem Opfer, mit dem aus seinem Element (dem Wasser bzw. der Luft) genommenen Tier. Lebenselement war für Gubler die Malerei, an der er scheiterte und irreging. Seine Fasanen-Bilder sind in vielfacher Hinsicht Nature morte. Wenn er das allerletzte - und nur dieses - Bild der Reihe prominent signierte, so besiegelte er damit gleichsam das Ende seiner Malerei. Überspitzt könnte von einer eigentlichen «Grablegung» gesprochen werden.

Christoph Vögele   p. 57 
Max Gubler (1998-1973)
Museum zu Allerheiligen Schaffhausen / Kunstmuseum Solothurn   (4. April - 1. Juni 1998)