Distelstrauss




Unterengstringen, 1956
Oel auf Leinwand, 92 x 73 cm
Bezeichnet unten rechts "M Gubler 1956"
Kunstmuseum Solothurn, Inv.-Nr. C 81.132 (Max Gubler-Stiftung)


Disteln sind neben den Fischen und Fasanen ein häufiges Motiv in Gublers späten Stilleben. Die Häufung dieses nicht alltäglichen Motives kann wohl nicht nur auf das malerische Interesse an diesem dürren und spröden Gewächs zurückgeführt werden, sondern verlangt auch nach einer inhaltlichen Erklärung. Eine symbolische Deutung scheint sich daher für die Disteln anzubieten, wenn auch mit der nötigen Vorsicht. Seine Motive gehören denn auch mehr in den Bereich der individua!mytho!ogien als zu einer reflektierten kommunikationskonformen Symbolsprache. Gotthard Jedlicka interpretierte die Distel-Stilleben so: « Manche Betrachter sehen so viel in den Stilleben mit Sonnenblumen von Van Gogh und (vorläufig) wenig in den Stilleben mit Distelsträussen oder Distelzweigen von Max Gubler. Aber wenn man die ersteren unbefangen mit den letzteren vergleicht, ergibt sich, dass sie eine verwandte Symbolkraft enthalten, von einer verwandten farbigen Spannkraft durchsetzt sind und dass in denen von Max Gubler eine noch reichere zeichnerische und farbige Struktur in Erscheinung tritt. Ich kenne keine andere Malerei, in welcher die Dürre, die Verwelktheit, die Unfruchtbarkeit, der Tod der Vegetation mit einer solchen Kraft, mit einer so faszinierenden Fülle dargestellt ist, die eine so unausschhöpfbare Runensohrift für das eine Erlebnis: das des Todes, enthält. Diese Bilder wirken darum aostark, weil darin im Sterben so ununterbrochen, oft mit einer ungeheuerlichen Macht, noch einmal das Leben aufsteht, sich noch einmal aufbäumt und in den Kämpfen der Agonie neue Formen und neue Farben erzeugt.
Bei fast allen Diste!sträussen in einem Tonkrug handelt es eich um denselben Tonkrug und um denselben Distelstrauss, der allerdings von Mal zu Mal aus einem anderen schöpferischen Impuls heraus wiedergegeben ist. Die scheinbar wirren Sträusse aus verdorrten Blumen sind doch Ausdruck einer umfassenden seelischen und formalen Gesetzmässigkeit. Und obwohl überall Verdorrung und Verwelkung dargestellt sind, so sind sie an jeder einzelnen Stelle in einer andern graphischen Form wiedergegeben, so dass das Sterben so unausschöpfbar wie das Leben erscheint. Unter dem Pinsel von Max Gubler verwandelt sich die spröde Form in eine so!che, die äusserlich ihre Kargheit behä!t, in dieser aber von einem unheimlichen Leben durchgesetzt ist.
Wenn man diese Distelstllleben in ihrer chronologischen Aufeinanderfolge nebeneinanderstellt, fügt man sie zu einen gespenstischen Fries zusammen; steht man einem Reigen gegenüber, in dem sich Leben und Tod ununterbrochen auseinander heraus ergeben, in dem Leben und Tod ineinander übergehen. !n diesem Stilleben k!amnert sich die Seele des Malers verzweifelt an das Leben: ein Stationenweg des Künstles. Mit diesem Sinnbildern der Dürre und des Todes wehrt sioh der Maler noch einmal mächtig für das Leben.

Karl Jost  p. 80
Kunstmuseum Solothurn     Max Gubler-Stiftung
Solothurn 1982