Selbstbildnis




Unterengstringen, 1952
Oel auf Leinwand, 162 x 130 cm
Nicht bezeichnet
Kunstmuseum Solothurn


Während Max Gubler in den vierziger Jahren eine sehr grosse Zahl von Selbstbildnissen malte, entstanden nach 1951 nur noch einige wenige (die Bilder der Krankheitszeit ausgenommen); das vorliegende Bild ist eines der letzten. Es gehört zu einer Reihe, von der wir acht Fassungen kennen, und ist vielleicht deren letzte . Der Maler steht im künstlichen Licht des Ateliers (oder, wie man aufgrund des tiefgezogenen Fensters annehmen könnte, des kleinen Wohnraums), die Palette in einer Hand, den Pinsel in der etwas erhobenen andern, nahe dem nachtblauen Fenster, im Rücken ein Kästchen oder ein Gestell, auf dem sich Früchte und eine weisse Gipsstatuette befinden (in den erwähnten andern Fassungen eine Muschel und eine schwarze Statuette). Der Maler gehört mit seiner ganzen Figur und der Palette zum hellen, lichterfüllten, wärmeren Teil des Bildes, nimmt nur mit wenigen Stellen an der Achsel und auf dem Kopf am Dunkeln teil und ist wie eingespannt zwischen die blaue Dunkelheit des Nachtfensters und des Kästchens, als stände er in einer vom Dunkel umgebenen Lichthöhle. Auf der Palette und dem Kästchen verdichtet sich die Helligkeit zu einem warmen Grün, auf der Brust des Malers, in seiner Hand, auf der Palette und den Früchten, wie im Kern des Bildes, sammelt sich die Wärme zu roten Tönen. Das helle Licht steigert sich zu noch grösserer Helligkeit auf Arm und Achsel, in Glanzlichtern auf dem Kopf und auf dem Fensterriegel.
     Von 1950 an nehmen Bildinhalt und Bildform bei Max Gubler zunehmend symbolische Bedeutung an. Die aufgehängten, aufgeschlitzten Fische (1950-1951) können nicht mehr als «Stilleben» bezeichnet werden. Als sich Max Gubler im Sommer 1952 (aus Anlass seiner Ausstellung im Schweizer Pavillon der Biennale) in Venedig aufhielt, war ein Gesprächsthema mit seinem Bruder Ernst, der ebenfalls einige Tage zugegen war, die Bedeutung des Lichts in Boschs «Visionen vom Jenseits» (Dogenpalast), in Tintorettos «Paradies>) (Dogenpalast) und in Tizians « Pieta »(Accademia). Vor allem beschäftigte sie das Glanzlicht auf der Weltkugel im « Paradies » als das »zweite Licht», die Antwort auf das absolute «erste Licht». In einer Agenda, die Max Gubler in Venedig bei sich trug, finden sich zahlreiche Notizen zu diesem Gedanken; u. a. Skizzen mit Sonne, Kreuz und Schädel als Symbole für das Bildgeschehen als Weg in der Zeit, in der Mitte zwischen absolutem Licht und absolutem Dunkel; das Höhlengleichnis Platons ist erwähnt. Eine Munch-Ausstellung im gleichen Jahr im Kunsthaus Zürich war ein Grund, die Diskussion über das Glanzlicht weiterzuführen; in Notizen von Ernst findet sich der Name Jakob Böhme. In die gleiche Agenda skizzierte Max Gubler in der Munch-Ausstellung u. a. den Kopf des Selbstbildnisses »Zwischen Standuhr und Bett».
    Vieles von diesen Überlegungen und Einsichten wird im «Selbstbildnis» sichtbar. Das Bildgeschehen, das sich ereignet, ist in der Arbeit des Malers, in der Palette als ihrem wichtigen Ort, verkörpert; die absoluten Pole sind vertreten in den dunkelsten Stellen im Fenster und im Glanzlicht, das der Maler trägt. In der bei Jedlicka abgebildeten Fassung ist die Aussage noch extremer formuliert: der gefährdete Ort des Menschen an der Grenze zwischen Hell und Dunkel (der Kopf steht fast ganz vor dem Dunkel der Nacht, in der noch Sterne zu sehen sind); das Leben und Erleiden ist im Rot der Früchte und der Muschel und auf der Palette heftiger dargestellt. In der vorliegenden Fassung ist das Heftige zurückgenommen in eine grosse Zartheit und Verhaltenheit. Max Gubler hielt sie für die gültige Fassung, stellte sie schon im gleichen Jahr im Kunsthaus Zürich aus und schuf nach ihr zwei Kaltnadelradierungen; eine davon ist einem Teil der Auflage der ebenfalls 1952 erschienenen Mappe « Max Gubler »(mit Text von A. M. Vogt) beigegeben.

Rudolf Frauenfelder  p. 74
Kunstmuseum Solothurn     Max Gubler-Stiftung
Solothurn 1982